(Bild: Stuttgart-Marketing GmbH)

Stuttgarter Stäffele

Schneller geht's sicher, schöner kaum

Es gibt mehr als einen guten Grund Stuttgarts Kessellage gelegentlich zu verfluchen. Fahrradfahren ist eine Tortur, zumindest, wenn man nicht zu den Kletterspezialisten unter den Drahteselfreunden gehört. Gleiches gilt für Fußgänger: Schon beim bloßen Gedanken an die zahlreichen Stiegen und Staffeln, die einem auf dem Heimweg bevorstehen, entscheidet man sich gerne einmal lieber für die Bahn.

Stäffeles-Touren

Dabei gehören diese endlos erscheinenden Aufstiege zu den absoluten Glanzpunkten Stuttgarts . Die Tourist-Information der Stadt empfiehlt sogar ganze Stäffeles-Touren, die von Mai bis Oktober sensationelle Ausblicke, vor allem aber ganz neue Eindrücke versprechen. Gerade für Neu-Stuttgarter, denen sich der Reiz und Charme der Stadt bislang noch nicht offenbart hat, scheint eine solche Tour – ob auf eigene Faust oder professionell geführt – damit mehr als empfehlenswert.

Sehenswerte Ecken

Schließlich kommt man bei mehr als 400 Stäffele auch ganz gut im Stadtgebiet herum – die Chancen, dabei die ein oder andere sehenswerte Ecke, vielleicht sogar einen echten Geheimtipp zu entdecken, stehen also nicht schlecht.
Eine dieser Ecken erreicht man über die Willy-Reichert-Staffel im Stuttgarter Süden. Diese Staffelanlage ist eine der wenigen, die noch in ihrer ursprünglichen Form erhalten ist, und damit für sich schon eine kleine Sehenswürdigkeit. Wenn man es aber erst einmal bis zur Mörikestraße geschafft hat, entlohnt ein grandioser Blick auf die Parkanlagen des Lapidariums auch für die Mühe des Aufstiegs. Dieses kleine Gärtchen in der Nähe der Karlshöhe lockt mit etlichen Relikten aus der Stadtgeschichte.

Weinberge und -stiegen müssen weichen

Natürlich ist der Weg nach oben über eine der zahlreichen Staffeln immer auch ein geschichtsträchtiger. Noch bis zum 19. Jahrhundert reichten Weinberge und Gartengrundstücke bis an den Stadtrand heran. Seither ist die Stadt kontinuierlich gewachsen; Wohngebiete haben Weinberge ersetzt und manch einfache Weinbergsstiege ist einer architektonisch ausgefeilten Treppenanlage gewichen.

Eine Staffel mit ganz eigenem "Geschichtle"

So hat jede Staffel ihre eigene Entstehungsgeschichte – dank Jahrhunderten der Überlieferung aber auch ihr ganz eigenes „Geschichtle“ zu erzählen. Eine der vergnüglichsten Legenden rankt um die Eugenstaffel, die zum monumentalen Galatea-Brunnen führt. Diesen ziert eine Aktskulptur der griechischen Nymphe Galatea, die 1890, als Königin Olga den Brunnen erbauen ließ, das Gemüt vieler Stuttgart erhitzte. Erst als die Königin drohte, die Statue derart drehen zu lassen, dass Galatea der Stadt ihren nackten Rücken und – viel schlimmer – ihren nackten Hintern zeigt, fand der Brunnen allmählich Zustimmung.

Zu Fuß auf Entdeckungstour

Dagegen zählt die Eugen-Staffel selbst seit jeher zu den beliebtesten Staffeln, in deren angrenzenden Sträßchen schon Künstler wie Max Ackermann gelebt haben.
Verborgene Winkel und sagenumwobene Geschichten – die Stäffeles-Fürsprecher der Stadt haben Recht: Es lohnt sich, in Stuttgart auf Bahn und Co. zu verzichten und sich zu Fuß auf Entdeckungstour zu begeben. (JS)

12.03.2008
(Ausgabe Oktober 2007)