(Bild: Tim Kaub)

WUNDERSCHöN

Traumschlösser

Die schwäbische Haupttugend der Sparsamkeit ist zweifelsfrei eine nützliche Eigenschaft. Wer aber prachtvolle Schlösser bauen will, darf nicht auf jeden Cent schauen. Kein Wunder, dass Herzog Carl Eugen von Württemberg, dem fleißigsten Schlossbauherrn im Ländle, Verschwendung vorgeworfen wurde. Doch ohne die finanzielle Unbekümmertheit und die Begeisterung des Herzogs für Architektur, elegante Innenausstattungen und raffinierte Gartenanlagen fehlten den Stuttgartern heute sowohl der repräsentative Bau des Neuen Schlosses als auch die Kleinode Solitude und Hohenheim, die alle in den knapp 50 Jahren seiner Regierungszeit (1744-1793) entstanden sind.
Die Wandlung des alten Schlosses
Gleich bei seinem Regierungsantritt verlangte er von den württembergischen Ständevertretungen finanzielle Mittel zum Neubau eines Schlosses. Im Gegenzug dazu versprach er, die Residenz wieder nach Stuttgart zu verlegen.
Seit 1313 bis zum Umzug nach Ludwigsburg 1718 war das Alte Schloss Sitz der Württemberger. Als echter Renaissancefürst verwandelte Herzog Christoph (1550-1568) die einfache, mittelalterliche Burg innerhalb von wenigen Jahren zu einem bedeutenden Renaissanceschloss mit einem der ersten evangelischen Kirchenräume Deutschlands. Er legte den spektakulären Arkadenhof und die „Reitschnegge“ an; eine Treppe, auf der man zu Pferde zum Rittersaal im Obergeschoss gelangen konnte.
Bau des Neuen Schlosses
Carl Eugen erschien das zu verstaubt – ihm schwebte ein neues Versailles vor. Der Bau des Neuen Schloss wurde 1746 in Angriff genommen und Leopold Retti mit der Planung beauftragt. Erst 60 Jahre und viele Baumeister später war eine der letzten Barockresidenzen vollendet. Genau wie damals den Herzögen und Königen, dient das wieder aufgebaute Schloss heute dem Land Baden-Württemberg zur Repräsentation.
Wer kein offizieller Gast des Landes ist, sollte die Sonderführungen nutzen, um die Räume zu besichtigen. Denn beim Innenausbau ist eine reizvolle Mischung entstanden, zwischen Rekonstruktion der prunkvollen alten Ausstattung und behutsamer Umgestaltung, die den klaren Gestaltungslinien der 1960er Jahre folgt.
Schloss Solitude als Ort der Ruhe
An klaren Tagen kann man von der Terrasse von Schloss Solitude die Schneise der Allee deutlich erkennen, die das damalige Residenzschloss Ludwigsburg mit dem Sommersitz „La Solitude“ verbunden hat. Dreizehn Kilometer lang und schnurgerade – ohne Rücksicht auf Gelände oder Hindernisse – symbolisierte sie den absoluten Machtanspruch des Herzogs.
Doch hier suchte er auch Ruhe und Einsamkeit („Solitude“) fern der förmlichen Etikette und ungestört von politischen Geschäften. Man hat sich vergnügt bei Festen, Musik und Jagden: in intimen Kabinetten, im luftigen Palmenzimmer, von dessen Decke die Göttin Aurora den Morgengruß sendet, und in den vielen kleinen Bauten in den Gärten und Wäldern der Umgebung. Etwa am Bärensee, wo ein steinernes Pavillon in „altrömischem Stil“ stand – der Vorgänger des späteren Bärenschlössle.
Bei aller Leichtigkeit, die heute noch zu spüren ist, diente das Schloss auch offiziellen Zwecken. Im Weißen Saal konnten die Gäste Carl Eugens, die er hier formell empfing, an den Bildern erkennen, welche Tugenden und Verdienste sich der Herzog um die Wohlfahrt des Landes zuschrieb. In den Jahren 1764-69 erbaut, war der Glanz 1775 bereits vorbei. Nach ruhigen Jahren baute König Wilhelm I. das Bärenschlössle als Jagdpavillon wieder auf und öffnete die Solitude 1830 der Öffentlichkeit.
Hohenheimer Attraktionen
Obwohl eine Mätresse die Schlüsselrolle bei der Entstehung von Schloss Hohenheim spielte, fehlt diesem jeder Hauch von Frivolität. Franziska von Hohenheim wird als fromme und ernsthafte Frau charakterisiert, die einen mäßigenden Einfluss auf ihren späteren Gemahl hatte. Ihr schenkte Carl Eugen 1772 das kleine Wasserschloss, das in langer Bauzeit zu einer repräsentativen spätbarocken Anlage umgebaut wurde.
Die eigentliche Attraktion von Hohenheim war aber ein fiktives Dorf im Maßstab 1:4, das der Herzog auf vorgeblich römischen Ruinen erstellen ließ, um den „Triumph tugendhaften Landlebens über die Sittenverderbnis des untergegangenen Roms“ in Szene zu setzen. Das „Dörfle“ umfasste 60 Gebäude, darunter eine gotische Kapelle und ein Kloster, Rathaus, Köhlerhütte und Meierei, dazu Tempel, Haine und Hütten. Sie wurden bei Festen von Untertanen bevölkert, die zur Belustigung der Herrschaft idyllisches Landleben nachspielen mussten.
Übrig ist eine der „drei Säulen des Donnernden Jupiter“, das „Wirtshaus zur Stadt Rom“ sowie das Spielhaus, in dem heute das Museum zur Geschichte Hohenheims untergebracht ist.
Klassizistisches Schloss Rosenstein
Auch auf König Wilhelm I. wirkte der besondere Reiz des Landlebens und weckte den Wunsch nach einem Landsitz, mit dessen Entwürfen er seinen Hofarchitekten G. Salucci beauftragte. Das klassizistische Schloss über dem Neckar auf dem Kahlenstein taufte er Rosenstein nach der Lieblingsblume seiner Gattin Katharina. Das besondere an Rosenstein war aber der ausgedehnte Park mit wertvollem Baumbestand nach englischen Vorbildern – in dem überall Rinder aus dem landwirtschaftlichen Musterbetrieb weideten, den der König hier ebenfalls angesiedelt hatte.
Vom Badehaus zur Wilhelma
Bei der Anlage des Parks stieß man auf Mineralquellen, die den König auf die Idee brachten ein Badehaus im orientalischen Stil zu schaffen. Aus dem Badehaus wurde die Wilhelma, die „Alhambra am Neckar“: eine weitläufige Anlage mit Badehaus, kleinem Schloss, Festsaal, Gewächshäusern, Theater und Gärten. Über Jahre hinweg entstand ein Gesamtkunstwerk in maurischem Stil mit Verzierungen, Kuppeln, Halbmonden, exotischen Pflanzen und arabischen Inschriften. Wie prächtig der orientalische Märchenpalast gewesen sein muss, lässt sich beim Besuch der Wilhelma heute noch erahnen. (AS)

(Ausgabe März 2008)