Interview mit Florian Fickel

Sich etwas trauen

Florian Fickel, literarischer „Vater“ von Lümmel, bringt sein Stück jetzt auf die Bühne. (Bild: floff publishing)

GOOD NEWS: Wie kamen Sie auf die Idee zu der Geschichte von Lümmel?
Florian Fickel: Bei einer S-Bahnfahrt sah mein Sohn erstmals einen behinderten Menschen. Dementsprechend starrte er ihn an, wusste er nicht damit umzugehen. Ich bekam die Idee, Kindern die Verschiedenheit der Menschen mit einer Geschichte zu erzählen, in der ein Esel drei Ohren hat und deshalb von seinesgleichen verstoßen wird. Diese Geschichte habe ich ihm dann zum fünften Geburtstag geschrieben. Das ist nun vier Jahre her. Die Idee ist das eine, die Geschichte das andere. Daraus aber etwas hör- oder sehbares werden zu lassen, dauert lange Zeit, viel Glaube und Durchhaltevermögen.

GOOD NEWS: Was war der Grund, jetzt das Hörspiel auf die Bühne zu bringen?
Florian Fickel: Ich wollte das Stück für die Kinder erlebbar machen, für mich wollte ich einen weiteren Weg entdecken: das Theater. In den Intendanten Werner Schretzmeier (Theaterhaus Stuttgart) und Bernd Gnann (Kammertheater Karlsruhe) fand ich zwei Förderer. Ihnen gefiel die Geschichte, sie gaben mir die Möglichkeit, das Stück zu verwirklichen, obwohl ich keinerlei Theatererfahrung besaß.
GOOD NEWS: Wieso haben Sie die Geschichte als Erzählstück realisiert?
Florian Fickel: Ich mag gute Geschichten, mit guten Dialogen. Zudem sollten sie alle eines haben: Sie müssen einfach sein, simpel, gerade für Kinder. Sie müssen ohne große Effekte auskommen können, insbesondere in der heutigen Zeit. Also habe ich nach einem Schauspieler gesucht, der vor den in Lebensgröße nachgebauten Tieren das Stück erzählt, in die Rollen der Tiere schlüpft und deren Körperteile tauscht. Mit Wilhelm Schneck von Lokstoff (Theater im öffentlichen Raum) habe ich einen Schauspieler gefunden, den die Arbeit für Kinder interessierte. Wir haben beide voneinander profi tiert, ich von seiner Bühnenerfahrung, er von meiner naiven Herangehensweise.
GOOD NEWS: Wie schwierig war die Umsetzung vom Hörspiel auf die Bühne? Gibt es viele Abweichungen?
Florian Fickel: Erste Proben vor Kindern zeigten schnell, dass unser Stück viel zu lang war. Nach dreißig Minuten mussten die ersten Kinder auf die Toilette oder hatten Hunger. Wir haben die Geschichte zwar gekürzt, es dann aber trotzdem bei knapp einer Stunde belassen. Das müssen die Kids auch einmal „aushalten“ können. Wir haben versucht, so viel Interaktionen wie möglich ins Stück zu bekommen, durchs Mitmachen wollen wir die Kinder in die Handlung holen, sie aktiv werden lassen. GOOD NEWS: Was ist für Sie die Kernaussage von „Lümmel“?
Florian Fickel: Keine Vorurteile, keine Scheuklappen, nicht viel Nachdenken, sondern Zusammensein und Spaß haben. Übrigens eine Stärke von Kindern, bei der sich jeder Erwachsene eine Scheibe abschneiden könnte.
GOOD NEWS: Was soll die Geschichte der „Tierischen Freundschaft“ bei den Zuschauern bewirken?

Florian Fickel:
Ich freue mich, wenn die Kinder an dem Stück Spaß haben. Das würde mir genügen. Wenn sie sich Tage später noch daran erinnern, wenn das eine oder andere Kind die spielerisch vermittelte Botschaft mitnimmt, prima.
GOOD NEWS: Was gefällt Ihrer Meinung nach Kindern an der Geschichte?
Florian Fickel: Dass Tiere Körperteile tauschen und damit ein großes Durcheinander entsteht, fi nden Kinder spitze. Einen Esel mit Fuchs-Beinen, eine Häsin mit dem Schwanz eines Schafes und ein Fuchs mit dem Fell eines Hasen; wie sich das anfühlt, was das für einen Spaß mit sich bringt, da können sich Kinder mit Leichtigkeit hinein versetzen.
GOOD NEWS: Haben Sie ein Lieblingstier im Stück?
Florian Fickel: Ja, Lümmel, den Esel. Ich mag besondere Menschen, die nicht nur in der Spur laufen, die sich etwas trauen und frei sind. So ein
Lebwesen ist Lümmel.
GOOD NEWS: Wie sind Ihre Pläne für die Zukunft? Dürfen sich die Zuschauer auf eine weitere Premiere oder ein neues Hörspiel freuen?
Florian Fickel: 2011 wird es sechs weitere Folgen der Playmos-Hörspielreihe geben. Zudem eine CD „Best of Tiger & Bär“ von Janoschs Welt-Bestsellern. Und hoffentlich ein weiteres Theaterstück, dieses mal für Erwachsene – keine Angst, ohne Körperteile tauschen.
GOOD NEWS: Herr Fickel, wir danken Ihnen sehr für das Gespräch und wünschen eine tolle Premiere! (AM)
Lümmel – Tierische Freundschaft
Für Kinder ab 4 Jahren
Wo: Theaterhaus Stuttgart
Wann: 16.01., 23.01., 30.01 und 06.02.2011, 11 Uhr; weitere Termine im März und April
Kosten: 8,50 - 13 Euro
Anmeldung: 0711 40 20 720
Infos: www.theaterhaus.de

15.01.2011
(Ausgabe 15. Januar 2011)