Als wäre es nur ein Traum: Der berüchtigte Pragsattel, den mehr als 100.000 Fahrzeuge täglich passieren, als verkehrsberuhigter Bereich.

Jürgen Pollak zeigt Stuttgart bei Nacht

"Ich bin von dieser Stadt begeistert"

Der Pragsattel ohne Autos. Kein Verkehr. Kein Stau. Alle vier Fahrspuren frei. Ein Traum. Geht eigentlich gar nicht. „Doch, das gibt’s tatsächlich“, behauptet einer, der es wissen muss. Jürgen Pollak ist Fotograf.
Den richtigen Zeitpunkt abwarten
Mit seiner Kamera stand er stundenlang auf der Auerbachstraße, die die Heilbronner Straße am Nordhang des Pragsattels überquert. Irgendwann an diesem Sonntag Morgen, so gegen ab halb vier, war es dann so weit: Kein Auto. Nirgends. Genau der richtige Zeitpunkt, um abzudrücken. Der entscheidende Moment aber dauert bei Pollaks Fotos ziemlich lang. Nicht etwa, weil er ein langsamer Fotograf wäre, sondern weil seine Nachtfotos langzeitbelichtet werden. Da können schon mal zehn Minuten ins Land gehen.
Optimale Technik für optimale Belichtung
Der Effekt, den Pollaks Fotografien erzielen, ist bestechend. „Wenn man sich die Fotos anschaut“, erklärt Pollak, „hat man eine ganz reale Situation vor sich – und trotzdem wirkt das Ganze ziemlich entrückt.“ Die spezielle Fototechnik, die Pollak in seinen Nachtaufnahmen verwendet, nennt sich „High Dynamic Range“. Damit werden Bilder aus zwei oder mehr unterschiedlich belichteten Fotos zusammengefügt werden.
Einfacher ausgedrückt: In einem einzelnen Bild geschieht das, was das menschliche Auge ganz automatisch tut: es sucht sich in unterschiedlichen Helligkeitsbereichen die optimale Belichtung.
Unscheinbare Schönheit
Viel entscheidender als die Technik aber ist Pollaks besonderes Gespür für den Ort und die kleinen Details. „In Stuttgart gibt es scheinbar unscheinbare Plätze, an denen man achtlos vorbeiläuft oder -fährt. Dabei sind diese Orte gerade nachts von bestechender Schönheit.“ Diese Achtsamkeit führt dazu, dass man sich in Pollaks Fotografien erst einmal zurechtfinden muss.
Genau hingeschaut
Wo bitte soll das sein? Kommt einem irgendwie bekannt vor? Mag sein. Münzstraße? – aber natürlich: direkt hinterm Breuninger mit Blick auf den Marktplatz und das Rathaus. Die Schaufensterauslagen werfen ihr Licht auf den Bürgersteig, keine Menschenseele ist unterwegs.
Oder: Die Schulstraße, die als erste Fußgängerzone Stuttgarts schon vor fünfzig Jahren den Marktplatz mit der Königstraße verband. In der Ladenstraße, die weit mehr einer schmalen Gasse gleicht, schieben sich zu Stoßzeiten die Menschenmassen durch. Im Alltag gibt es hier im Grunde nur zwei Alternativen: entweder Tunnel- oder Schaufensterblick. Kaum jemand nimmt die Geranien und Petunien wahr, die über der Ladenstraße blühen. Niemand nimmt sich Zeit, richtig hinzuschauen.
In der Aufnahme von Jürgen Pollak schaut man genau hin. Er hat auch hier einen Moment erwischt, an dem die Läden zu, die Schulstraße leer ist. „Das Faszinierende ist ja, dass man in solchen fotografischen Momenten gar keine Leere empfindet, sonder die Fülle der Stadt in ihren Details erst richtig wahrnimmt.“
Besondere Charakterzüge belichten
Jürgen Pollak ist nicht an Postkartenmotiven gelegen – er will die besonderen Charakterzüge Stuttgarts belichten. Da kann es schon mal sein, dass der Blick urplötzlich in eine kopfsteingepflasterte Gasse fällt, die man so auch in Südfrankreich finden könnte: eine ausladende Kastanie, eine geklinkerte Fassade, Straßenlaternen, eine Hofeinfahrt.
Viertel mit besonderem Flair
Tatsächlich ist das Stuttgarter Bohnenviertel ein ganz eigener Kiez, in dem nicht nur die ältesten Häuser der Landeshauptstadt, sondern auch die traditionsreichsten Weinstuben und Nachtclubs eng zusammenrücken. Das macht das besondere Flair des Bohnenviertels aus – vor allem an lauen Sommerabenden oder, wie in Pollaks Fotos, wenn die Gassen wie leergefegt sind.
"Schlichtweg begeistert"
Den besonderen Blick für Stuttgart hat Pollak sich angeeignet, weil er die Stadt einfach großartig findet. „Vielleicht war es auch umgekehrt“, überlegt Pollak. „Ja, vielleicht habe ich die Stadt auch immer besser kennengelernt, weil ich genauer hingeschaut habe.“ So ganz kann er nicht mehr beurteilen, was zuerst da war.
Als gebürtiger Stuttgarter ging er früh nach Paris, er lebte in Berlin, New York und Wien, um schließlich 2002 wieder in die Heimat zurückzukehren. Sein Stuttgart-Bild hat sich also aus nächster Nähe und aus der Distanz gefestigt. „Ich bin von dieser Stadt schlichtweg begeistert!“, bekennt Pollak. Seine Fotografien zeigen auf beeindruckende Weise, warum das so ist. (RC)
Hinweis:
Jürgen Pollaks Fotoband „Stuttgart: Lichter einer Großstadt“ ist erschienen im neuen Kunstverlag, Stuttgart 2007.

12.03.2008
(Ausgabe September 2007)